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Sonnenaufgang über einer Bergkette, mit einem sternenklaren Himmel.

Philosophische Texte

Philosophie als Poesie

Wir schreiben nicht nur Forschungsprogramme, wissenschaftliche Satire und Module, sondern auch philosophische Texte.

Wir möchten einige unserer Texte gerne teilen und alle dazu einladen ein bisschen zu träumen und neue Ideen oder Ansichten zu bekommen. 

Der Leuchtturm (Essay    01/2026)

 

Das Leben ist wie ein Fluss. Wir alle treiben darin. Manche bauen sich Schiffe, andere haben ein Kanu. Manche können schwimmen, andere nicht. Manchmal schlucken wir Wasser, manchmal fehlt uns die Kraft. Manchmal glauben wir, dass wir ertrinken. Und manchmal lassen wir uns treiben.

Doch am Ende gehen wir alle denselben Fluss hinab. Manche stellen sich gegen die Strömung oder versuchen, den Flusslauf zu ändern. Aber Wasser fließt nur in eine Richtung. Wir können es nicht aufhalten. Nur unseren Weg darin finden.

Manche finden früh eine Insel und steigen aus, weil sie angekommen sind. Andere brauchen länger. Manche bauen sich ein großes Schiff und glauben, dadurch mehr wert zu sein. Andere haben nur ein Floß. Doch die Richtung bleibt für alle gleich.

Wir werden alle ankommen auf dem Fluss des Lebens. Es gibt Zeiten, in denen wir am Ufer rasten, und Momente, in denen der Sturm über uns hereinbricht. Manchmal passieren wir Stromschnellen. Aber es geht immer weiter.

Es gibt Zeiten, in denen wir Platz auf unserem Boot haben und andere mitnehmen. Und Zeiten, in denen wir selbst aufgenommen werden. Manchmal haben wir nichts und müssen schwimmen: allein oder gemeinsam.

Es gibt Menschen, die am Ertrinken sind. Ihnen müssen wir helfen. Alle anderen müssen wir ziehen lassen. Denn Reisende soll man nicht aufhalten.

Wir streiten darüber, wer das bessere Boot hat, wer mehr Platz auf dem Fluss verdient. Wir urteilen darüber, wie andere reisen oder warum sie früher aussteigen. Wir streiten um unseren Platz auf dem Fluss, obwohl wir doch alle in Bewegung sind.

Manche erreichen den Ozean und sind frei. Andere finden früher ihr Zuhause, weil sie nicht Freiheit, sondern Sicherheit brauchen. Beides ist in Ordnung. Der Fluss sagt uns nicht, wohin wir sollen. Er fließt einfach, so wie wir weiterfließen, jeder in seinem Rhythmus.

Manchmal ziehen Schnellboote an uns vorbei, und dann wollen wir auch schneller vorankommen. Doch ohne Kompass verpassen wir vielleicht unsere Ausfahrt. Wir sehen prachtvolle Schiffe vorbeiziehen, während wir nur ein kleines Ruderboot haben. Die großen Schiffe machen Wellen, die uns ins Straucheln bringen. Wir glauben, wir bräuchten auch ein großes Schiff. Dabei ist es nicht wichtig, wie wir reisen, sondern dass wir reisen.

Manche steigen zu früh aus, weil sie Angst vor dem Fluss haben. Sie verweilen lange auf einer Insel, die ihnen nicht gehört. Sie werden einsam, unglücklich und bitter. Dann werfen sie Steine nach den vorbeiziehenden Booten, weil sie in Wahrheit selbst zurück auf den Fluss wollen, aber zu viel Angst haben, wieder nass zu werden.

Und dann gibt es Menschen, die auf ihrem Weg Trümmer sammeln: Schutt, Steine, Erfahrungen. Verlust, Schmerz. Sie tragen viel Gepäck. Doch aus diesem Gepäck können sie später einen Leuchtturm bauen: für andere, die im Nebel stehen. So wie sie selbst einmal im Dunkeln standen.

Manchmal lassen wir uns treiben. Manchmal kämpfen wir. Aber es geht weiter.

Denn am Ende zählt nicht nur, dass wir ankommen, sondern wie wir ankommen.

Manchmal finden wir jemanden auf dem Fluss. Wir halten uns fest, kämpfen gemeinsam gegen die Strömung. Und manchmal reißt uns der Fluss auseinander. Manchmal schleppen wir Boote mit, die nicht mehr fahren können. Und manchmal wissen wir nicht, wann es Zeit ist, sie loszulassen, weil sie ihrem eigenen Kompass folgen müssen.

Aber es geht weiter. Jeder auf seine Art. Mit seinem Boot, seinem Gepäck, seinem Weg.

Wir alle schwimmen auf dem Fluss des Lebens. Und manchmal lohnt es sich, die Aussicht zu genießen. Nicht nur den Weg vor uns, sondern auch den Weg zurück und das, was am Ufer zu sehen ist.

Denn eine Reise ist nie nur das Ziel. Sie ist der Weg.

Gute Fahrt auf eurem Weg. Ihr werdet eure Flussrichtung schon finden.

Was sind Himmel und Hölle?
Essay      01/2026

Himmel und Hölle sind zwei der ältesten Konstrukte unserer Welt. Der Gedanke an ewige Verdammnis oder ewiges Glück hat sich bei uns allen eingeschmuggelt. Ob wir nun daran glauben oder nicht ist zweitrangig. Die Frage ist doch eher: Was bedeuten Himmel und Hölle für uns eigentlich?

Dieser Frage möchte ich nachgehen.

Aber zuerst kommt doch die Frage, wie man die Hölle oder den Himmel erfahren kann, wenn man doch auf der Erde lebt?

Auch das möchte ich kurz erzählen.

Das Leben ist am Ende Glück und Schmerz zur selben Zeit.
Eine Mischung aus Himmel und Hölle.
Eine Entscheidung, auf welcher Seite wir stehen wollen.
Wie Yin und Yang.
Feuer und Wasser.
Krieg und Frieden.
Geburt und Tod.

Es ist immer beides. Wir glauben, die Welt ließe sich in Kategorien trennen. Doch das stimmt nicht. Wir erleben die Hölle und den Himmel jeden Tag in gemischter Form.

Doch lasst mich näher erläutern worauf ich hinaus möchte. Denn um zu verstehen, was Himmel und Hölle gemischt sind, muss man sie erstmal separat verstehen lernen. Oder nicht?

Die Hölle

Stell dir ein Tor vor. Kein großes, pompöses Tor aus Gold oder Feuer. Nein. Das Tor einer alten Scheune, wie jene, die man im Schwarzwald oft findet. Der Rahmen besteht aus Lehm und Stroh, die Flügel aus dunklem, verwittertem Holz, die nach innen offenstehen.

Das Tor befindet sich mitten in einem schwarzen Nichts. Weder links noch rechts ist etwas zu sehen. Nur dieses Scheunentor, matt und farblos, als würde die Szene in einem alten Schwarz‑Weiß‑Film ablaufen, durchzogen von schwachen Brauntönen.

Stell dir vor du stehst vor diesem Tor und blickst hinein.

Innen sieht es aus wie ein halbrunder Gewölbekeller, wie ihn Winzer für ihre Fässer nutzen. Die Decke ist aus hellem Kalkstein. Links und rechts ziehen sich Holzregale entlang, gefüllt mit wertlosem Krempel: alte Flaschen, kaputte Zahnräder, kleine Fässer, ölige Putzlappen. Nichts Besonderes.

Doch das ist nicht das, was dir die Angst in den Rücken treibt.

Auf einmal weißt du tief in dir drinnen und instinktiv, dass am Ende dieses Tunnels etwas auf dich lauert. Etwas, das dich haben will. Etwas das du nicht sehen und nicht beschreiben kannst. Denn es geht nicht um das, was deine Sinne wahrnehmen, sondern um das, was dein Herz fühlt.

Man fühlt einen Ort, an dem Gott nicht existiert. Einen Ort, an dem das pure, wahre Böse lauert. Und es will einen haben. Es verzehrt sich nach einem.

Wie ein unsichtbarer Schieber drückte dich etwas auf das Tor zu. Du kannst dich nicht bewegen. Du kannst nichts tun, außer zuzusehen, wie du unaufhaltsam hineingezogen wirst.

Blanker, nackter Horror überkommt einen. Man weiß nicht, was mit einem geschehen wird, wenn man das Ende dieses Tunnels erreicht. Man weiß nur, dass selbst das schlimmste Leid auf Erden kein Vergleich wäre zu dem Grauen, das dort auf einen wartet.

Du kannst nicht fliehen, nicht rennen und dem Grauen nicht entkommen.

 Etwas schiebt dich weiter und weiter.
Immer tiefer in die Schatten.
Immer weiter in den Schlund der Finsternis.
Du siehst nicht was dort ist.
Du hörst es nicht.
Du fühlst es.
Mit jeder Faser deines Körpers.
Immer näher kommst du dem Unausweichlichen.

Bis das Grauen dich bekommt und die Dunkelheit deine Seele frisst.

Das ist die Hölle.
Dunkel.
Einsam.
Existenziell verloren.
Der Ort, der nicht deinen Körper will.
Er will, was dich lebendig macht.

Der Himmel

Wie sieht der Himmel aus, fragst du dich?

Es ist, als würdest du einen Weinberg hinauflaufen, während die Sonne dich wärmt und alles in unwirklich leuchtenden Farben erstrahlt. Links und rechts säumen Trauben, Birnen, Honigstände und Äpfel deinen Weg. Es gibt keinen Mangel, keine Angst, keine dunkle Wolke am Himmel.

Du läufst diesen Berg hinauf im Wissen, dass oben eine kleine Kapelle auf dich wartet. Ein Zuhause. Ein Ort, an dem man ankommt.

Noch nie war das Gras grüner. Noch nie waren die Weinberge bunter. Die Sonne taucht alles in ein warmes, goldenes Licht, das deinen Weg erhellt.

Obwohl der Weg steil ist, wirst du nicht müde. Du kannst rasten, wann du willst. Du kannst die Aussicht genießen, auf das kleine Dorf hinunterblicken, während Hasen neugierig über den Weg hoppeln. Bienen summen, Blüten duften, Trauben schmecken süß.

Alles fühlt sich warm an. Wie Heimkehr. Wie Frieden. Als wären Hunger und Tod vergessene Begriffe. Als würdest du nie wieder Angst spüren müssen.

So läufst du diesen Berg hinauf. Weil du willst. Weil du Frieden fühlst. Weil alles, was dir angetan wurde, nur noch eine verblassende Erinnerung ist. Weil Narben heilen und Tränen trocknen. Weil du endlich ankommst: Nicht im Außen, sondern in dir selbst.

So sieht der Himmel aus. Nein. So fühlt er sich an.

Himmel und Hölle

Was sind nun Himmel und Hölle eigentlich?

Himmel und Hölle sind keine Orte, sondern Zustände. Und wir tragen beide in uns.

Hinweis
Die gezeigten Texte dienen ausschließlich Informations- und Unterhaltungszwecken. 

© Lavendelnachtfalter‑Verlag, 2026.

Alle Rechte vorbehalten.

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